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Wiedererweckung der Loge im Jahr 1991

Ein persönlicher Erfahrungsbericht des Altstuhlmeisters Wilhelm Thies über die Zeit der Wiedererweckung der Freimaurerloge "Minerva zu den drei Palmen" i.·. O.·. Leipzig 

November 1989 - die Mauer wird durchlässig, die Menschen von hüben und drüben fallen sich in die Arme, Freudentränen, Erschütterung, Wiedersehensfeiern. Die ersten Begegnungen sind beherrscht vom Austausch der Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre und von dem guten Willen, gemeinsam eine Zukunft zu finden. Nachdem der erste Begeisterungstaumel vorüber ist, greift eine gewisse Ernüchterung Platz. Bei Besuchen Westdeutscher in Ostdeutschland wird auch für sie näher erkennbar, welche furchtbaren Schäden die Herrschaft der Kommunisten verursacht hat.

Verständlicherweise stehen die materiellen Nöte und die Aufgabe ihrer Milderung oder Beseitigung an erster Stelle. Wer sich mit den Irrlehren der totalitär regierten DDR näher befaßt hat, und wem die Schwächen des westlichen Systems bewußt sind, der ahnt, daß die innere Vereinigung größere Probleme bereiten wird als die staatliche Vereinigung im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Die Partnerstädte Hannover und Leipzig, beide als Messestädte weltbekannt, haben ein Kennenlernen auf breiterer Ebene verabredet und so fährt ein Sonderzug mit hannoverschen Bürgern nach Leipzig und ein ebensolcher von Leipzig nach Hannover. Dieser Gedanke der Partnerschaft faszinierte mich und warf die Frage auf, ob wir eine Betreuungsaufgabe, die die Loge "Friedrich zum weißen Pferde" über mehrere Jahre nach dem Mauerbau für ostdeutsche Freimaurer übernommen hatte, wieder aufleben lassen sollten.

Ich wußte, daß die älteste Leipziger Loge die allen deutschen Freimaurern bekannte "Minerva zu den drei Palmen" war. Mir kam der Gedanke, daß es für die älteste hannoversche Loge "Friedrich zum weißen Pferde" besonders reizvoll sein müßte, die älteste Leipziger Loge - wenn möglich zu neuem Leben zu erwecken.

Wie könnte das geschehen? Ich trug meine Gedanken dem Beamtenrat vor und wir beschlossen, im Januar 1990 einen Brief an vier große Leipziger Zeitungen zu schreiben mit der Bitte, einen informierenden Text über die Freimaurerei abzudrucken. Keine der Zeitungen entsprach unserem Wunsch. Ganz anders war die Reaktion, als wir wenige Wochen später Annoncen aufgaben, in denen unter der Überschrift "Was ist Freimaurerei?" angeboten wurde, bei uns in Hannover informierendes Material anzufordern.

 

Annonce

 

Das Echo überraschte uns: Sechsundachtzig Zuschriften bekundeten das Interesse ostdeutscher Männer an der Freimaurerei. Wir bedienten sie alle mit einem ansehnlichen Paket von Informationen und einem freundlichen Begleitschreiben, in dem wir zum Ausdruck brachten, daß, wenn das Interesse nach der Lektüre anhaltend sei, wir u.U. zu einem Gespräch nach Hannover einladen würden. Und so geschah es. Im Juni 1990 luden wir neun Herren und im September elf Herren aus Leipzig zu einem Wochenend-Kolloquium zu uns ein.

Wir zahlten eine kleine geldliche Beihilfe zu den Fahrkosten, in Hannover wohnten die Herren bei Mitgliedern unserer Loge, und wir bewirteten sie in unserem Logenhause. Fünfzehn Herren, die zu erkennen gegeben hatten, daß sie an einem eingehenden Gespräch interessiert seien, suchten wir jeweils an einem Wochenende im September und November 1990 in Leipzig in ihren Wohnungen auf, um uns mit ihren Ehepartnern und ihren Lebensverhältnissen vertraut zu machen. Schon bald erhielten wir etwa ein Dutzend Aufnahmeanträge, die der Aufnahmeausschuß prüfte.

Von vornherein lag mir daran, wenn es zu der Wiedergründung der Loge "Minerva zu den drei Palmen" käme, dann nur unter Mitbeteiligung von Leipziger Brüdern. Zunächst aber mußte ich meine hannoverschen Brüder gewinnen für den Plan, in Leipzig die Deputationsloge "Minerva zu den drei Palmen" zu errichten. In einer Mitgliederversammlung am 06.November 1990 faßten wir den folgenden einstimmigen Beschluß:

"Die Mitgliederversammlung beschließt, gemäß Gesetz über "Freimaurerische Zirkel und Deputationslogen" der Großloge A.F.u.A.M.v.D. eine Deputationsloge in Leipzig zu gründen. Diese soll "Minerva zu den drei Palmen" Nr. 1O i.0. Leipzig heißen und die Tradition dieser alt-ehrwürdigen Leipziger Loge fortsetzen. Die Loge "Friedrich zum weißen Pferde" wird die Deputationsloge betreuen, unterstützen und dazu beitragen, sie im Zeitraum von zwei Jahren zu einer selbständigen" gerechten und vollkommenen Loge zu entwickeln."

Ferner wählten mich meine Brüder zum MvSt. der Deputationsloge. Ein Bruder stiftete spontan ein Anwesenheitsbuch für die Deputationsloge, ein anderer eine Bibel aus dem Jahre 1894. Selbstverständlich gab es in meiner Bruderschaft auch Zweifel und Bedenken, ob wir mit dem Anerbieten, eine Freimaurerloge in Leipzig zu gründen, den tatsächlichen Bedürfnissen unserer ostdeutschen Landsleute entgegen kämen.

Die Besetzung der STASI-Hochburgen an verschiedenen Orten und das Bekanntwerden dieses Unterdrückungssystems und seiner perfiden Techniken und Taktiken taten ein übriges, manche Brüder zur Zurückhaltung zu nötigen. Schließlich aber setzte sich die Auffassung durch, daß auch in Ostdeutschland die Menschen nicht vom Brot allein leben, daß es vielmehr einen Bedarf an Orientierung in der westlichen Wertewelt und Besinnung auf unvergängliche Menschheitswerte geben müsse.

Unsere Gespräche mit den Leipziger Suchenden bestätigten diese Auffassung. Fragen nach der politischen Vergangenheit wurden von allen Suchenden beantwortet; niemand war aktiv für die Staatssicherheit tätig gewesen. Die Zugehörigkeit zur SED allein konnte kein Grund zur Ablehnung für uns sein, wenn wir unseren Grundsatz "Vertrauen gegen Vertrauen" durchhalten wollten. Nicht in einem einzigen Fall sind wir später in dieser Haltung enttäuscht worden.

Gründung der neuen "Minerva"

Am 18.11.1990 eröffnete ich eine Tempelarbeit, an der der Großmeister, der Distriktsmeister und besuchende Brüder aus zwölf Logen teilnahmen, mit den Worten: "Meine Brüder, wir wollen heute fünf Suchende aus Leipzig und einen Suchenden aus Hannover zu Freimaurern auf- und annehmen. Überrascht und erfreut erleben wir, daß freie Männer nach 55-jähriger Finsternis den unvergänglichen Wert der königlichen Kunst erkennen und zu einem wichtigen Faktor ihrer Umorientierung und Lebensgestaltung machen wollen.

Wir reichen ihnen dazu brüderlich die Hand. Dieser symbolische Brückenschlag von Hannover nach Leipzig ist ein bewegender Vorgang; er ist auch ein Markstein in der Geschichte unserer geliebten Bauhütte. Wir werden das freimaurerische Licht wieder nach Leipzig tragen, einer Stadt mit großer freimaurerischer Tradition, und wir wissen, daß uns andere Bauhütten folgen werden."

Gründungsprotokoll

Im Anschluß an die Tempelarbeit fand in feierlichem Rahmen und mit den neuen Brüdern aus Leipzig die Gründungsversammlung statt, ein für alle Beteiligten erhebender Augenblick. Das Gründungsprotokoll lautet:

Freimaurerloge "Minerva zu den drei Palmen" Nr 07 i.O. Leipzig - Gründungsprotokoll

Nach den Grundsätzen der Freimaurerischen Ordnung, Gesetze Nr. 2 und 3, der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland und bestärkt durch den Beschluß der Loge "Friedrich zum weißen Pferde", Nr. 19, i.O. Hannover vom 6. November 1990 gründen die unterzeichnenden brüder am 18. November 1990 nach der ersten Aufnahme von Suchenden aus Leipzig eine Deputationsloge "Minerva zu den drei Palmen" in Leipzig und geben ihr die beigefügte Satzung.

Die Gründungsmitglieder sind gewillt,
- Sinngebung und Sinnfindung im Leben freier Männer von gutem Rufe realisieren zu helfen,
- die durch Unrechtregime unterbrochene Tradition der ältesten Leipziger Loge wiederzubeleben,
- der Freimaurerei in Leipzig wieder zu ihrer alten Bedeutung zu verhelfen und
- durch Wiedererweckung der Freimaurerei in den neuen Bundesländern die geistig-kulturelle Einheit in Deutschland zu fördern.

Die Gründungsmitglieder geloben, mit Unterstützung durch die betreuende Loge "Friedrich zum Weißen Perde", Nr. 19, i.O. Hannover die Deputationsloge gemäß Gesetz Nr. 3 der freimaurerischen Ordnung der großloge A.F.u.A.M.v.D. und "Gesetz über die gründung und den beitritt von Logen" der VGLv.D. zu einer vollkommenen und gerechten freimaurerloge zu entwickeln,

- jederzeit zum Wohle der Freimaurerei zu wirken,
- das Ansehen und die Bedeutung der Freimaurer und Freimaurerlogen in Deutschland zu mehren und
- die Weltbruderkette zu stärken.

Hannover, am 18. November 1990

Unterschriften 

Gründungsprotokoll


Die Willenserklärungen und das Gelöbnis knüpfen an die Tradition an, nehmen aber auch eine zeitgeschichtliche Einordnung vor. Sie lassen ahnen, welche Begeisterung und welcher Schwung die Brüder beflügelte. Selbstverständlich fanden auch die Regularien, wie Beschluß der Satzung und Wahlen der Vorstandsmitglieder ihre Erledigung, so daß alle Erfordernisse für die Erteilung des Patents durch die VGL und die Eintragung in das Vereinsregister in Leipzig erfüllt waren.

Nachdem bereits im November 1989 eine Voranfrage bei der Großloge ergeben hatte, daß in Leipzig keine Kollision mit anderen freimaurerischen Aktivitäten zu befürchten sei, stellten wir jetzt den Antrag, die Deputationsloge "Minerva zu den drei Palmen" zu genehmigen. Das klingt alles einfacher als es in Wirklichkeit war, denn das Antragsverfahren für das Errichten einer Deputationsloge im Osten war noch nicht so geläufig wie heute, und es bedurfte mancher Gespräche mit erfahrenen Brüdern und der Beratung durch den Vorsitzenden des Rechtsausschusses und des Bruders Großsekretär, bis alle erforderlichen Unterlagen bereit waren.

Schon bald lag unser Antrag der VGLvD vor und der Großsekretär, Br. Klaus Müller, signalisierte mir, daß Dekret und Placet sicherlich bis zu unserem Stiftungsfest im Januar 1991 vorlägen. Zunächst aber wollten die übrigen Suchenden aus Leipzig in die Freimaurerei aufgenommen werden. Das geschah in einer besonderen Tempelarbeit am Tage vor dem Stiftungsfest, so daß die Deputationsloge "Minerva zu den drei Palmen" nunmehr bereits 13 Brüder aus Leipzig zählte.

"Minerva zu den drei Palmen" wird in Arbeit gesetzt

Mit großen Erwartungen bereiteten wir uns auf die Lichteinbringung und Einsetzung der Loge "Minerva zu den drei Palmen" vor, die anläßlich des 245. Stiftungsfestes der Mutterloge am 19. Januar l991 erfolgte. Es wurde ein großes Fest mit unserem Großmeister, dem Großsekretär der VGLvD, dem Distriktsmeister und 45 besuchenden Brüdern, insgesamt 120 Brüdern! Unter der Hammerführung des Großmeisters, Br.·. H.·. Z.·., erfolgte die Lichteinbringung und Einsetzung mit Verlesung der Gründungsurkunde und des Dekrets der VGL, der Verpflichtung des Meisters v.,Stuhl und der übrigen Beamten, sowie die Aushändigung des Bijous an alle Minerva - Brüder.

Was uns an diesem Tage bewegte, kommt in einigen Sätzen aus meiner Ansprache zum Ausdruck: "Durch die Gunst der geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahres bekommt der heutige Tag eine Bedeutung, die andere weit überragt. Die Brüder nehmen nicht nur teil, wir vollziehen gemeinsam etwas, was nicht vielen Freimaurern vergönnt ist und was für die meisten unter uns ein einmaliges Erlebnis bleiben wird.

Dieses ist ein großer Tag für unsere geliebte Loge "Friedrich zum weißen Pferde", Hannovers älteste Loge, die sich anschickt, Leipzigs älteste Loge "Minerva zu den drei Palmen" zu neuem Leben zu erwecken. Als erste von ehemals 13 Leipziger Logen ist sie soeben als Deputationsloge eingesetzt worden. - - -

Dankbar und hoffnungsvoll haben meine Brüder und ich sofort nach der Wende im November 1989 Wege gesucht, an die große Tradition der Freimaurerei in Leipzig anzuknüpfen. Es gehörte Mut dazu, ausgetretene Pfade zu verlassen und konsequent neue Möglichkeiten zu nutzen, die sich nunmehr eröffneten, geradezu als ein Geschenk. Voller Genugtuung stellen wir heute fest, daß zwei Diktaturen bei all ihrer Unmenschlichkeit schwächer waren als Freiheitswille, Bürgersinn und Streben nach individueller Entfaltung. Ihr, meine lieben jungen Brüder aus Leipzig, seid lebendiges Zeugnis für solche Gesinnung und seid deshalb folgerichtig Freimaurer geworden. Euch gelten unser aller Dank und unser besonders herzliches Willkommen in unserem Bunde."

Nach meinem Dank an unsere Großloge und die VGL richtete ich das Wort an die Bruderschaft der Mutterloge: "Mein persönlicher Dank gilt vor allem Euch, meine lieben Brüder. Ihr habt die gewiß nicht leichten Entscheidungen, die ich Euch abverlangte, mitgetragen, Ihr habt sie durch Eure finanziellen Opfer erst möglich gemacht, und ihr habt die wichtigsten Beschlüsse einstimmig gefaßt. Mag dem einen oder anderen Bruder zuweilen das Tempo zu schnell gewesen sein, - daß wir heute, 14 Monate nach der Wende, 3 1/2 Monate nach der staatlichen Vereinigung 13 Leipziger Bürger als Brüder in unseren Reihen haben, daß wieder eine Loge in Leipzig arbeiten kann, - das ist das Entscheidende-.

Meine Brüder, im Gegensatz zu manchen westlichen Aktivitäten in den neuen Bundesländern verstehe ich unsere freimaurerische Aufgabe als eine dienende, helfende, selbstlose. Eine Reduktion auf das Materielle- gereicht uns nicht zur Ehre, denn wir sind eine geistig - kulturelle und moralische Instanz! Ich will unsere Rolle als betreuende Loge ein wenig verdeutlichen. Die Entwicklung eines Lebewesens ist abhängig von seiner genetischen Ausstattung und den Wachstumsbedingungen.

Der genetischen Ausstattung vergleichbar ist das menschliche, geistige Potential unserer jungen Leipziger Brüder in der Minerva. Die Pferd-Brüder sind in der Rolle des Gärtners, der dem Pflänzchen Deputationsloge gute Wachstumsbedingungen schafft, der es nährt und pflegt, der widrige Einflüsse von ihm fernhält, der es behutsam zu dem erzieht, was in ihm selbst angelegt ist. Wir kennen diesen Weg der freien Entfaltung, und sagen, auf das Individuum angewendet: Erkenne Dich selbst! Werde der Du bist! Diesen Selbstformungsprozeß respektieren wir auch, wenn es um eine soziale Gruppe geht.

So geschieht es hier in unseren Logen, so möge es auch in den neuen Bauhütten sein. Dann werden wir gemeinsam die kulturelle Aufgabe lösen helfen, Deutsche hier und Deutsche dort nach vierzig Jahren unterschiedlicher Geschichte wieder dem so lange entbehrten Gespräch zu öffnen; denn nur im umfassenden Diskurs können Moral und Integrität zurückgewonnen werden, kann das Gesellschaftliche in allen Teilen Deutschlands wieder aufleben, können geistige, kulturelle und mentale Grenzen überwunden werden. Jede neue Loge in den neuen Bundesländern ist eine weitere Brücke zwischen Ost und West."

Der Bruder Redner gab in seiner Zeichnung mit dem Thema "Minerva in Leipzig" eine sehr feine Deutung des Namens der alten Leipziger Loge und der Abbildung der Minerva, die uns im Bijou überliefert ist. Besonders anrührend waren die Worte des Br. Klaus Müller, der in seinem Redebeitrag berichtete, daß sein Vater im Jahre l9l9 in die Loge "Minerva zu de'i.drei Palmen" aufgenommen wurde. Unter den Geschenken, - Bausteine zu schenken, war damals noch nicht üblich - ist besonders hervorzuheben eine Tempelausstattung mit Säulen, Tischen, Zeremonienstab usw., die ein Bruder nach der Löschung einer Loge auf bewahrt hatte.

Sie stammte aus einer Loge der Großloge "Zu den drei Weltkugeln", dennoch war sie uns höchst willkommen. Inzwischen hat die Loge Minerva eine eigene Tempelausstattung erhalten,so daß sie die geschenkte wiederum einer 3-WK-Loge übereignen konnte. An dieser Stelle muß gesagt werden, daß sämtliche Geldmittel, die für die Wiedererweckung der Loge "Minerva" erforderlich waren, von deri Brüdern der Loge "Friedrich zum weißen Pferde" aufgebracht wurden, z.B. wurden über Jahre hinweg alle Sammlungen anläßlich der Beratungslogen und Tempelarbeiten diesem Fonds und Zweck zugeführt.

Mit der Lichteinbringung war der wichtigste Schritt geschehen, - die Loge "Minerva zu den drei Palmen" war "in Arbeit gesetzt." Nun mußte die Eintragung in das Vereinsregister betrieben werden. Wir reichten alle erforderlichen Unterlagen beim Bezirksgericht in Leipzig ein, das am 07.03.1991 die Eintragung in das Vereinsregister vornahm. So glatt sich dieser Vorgang anhört, er war begleitet von mehr als unschönen Ereignissen: Eine andere westdeutsche Loge verlangte ein Amtslöschungsverfahren, das jedoch vom Bezirksgericht abgelehnt wurde, ebenso der Widerspruch.

Daraufhin wurden wir verklagt, jedoch verlor die klagende Loge den Prozeß. Ruhe gab es dennoch nicht, denn sie versuchte, den Gang der Dinge aufzuhalten durch eine Eingabe an den Landtag des Freistaats Sachsen. Der Landtag mußte die Eingabe als unbegründet zurückweisen. Diese Vorgänge belasteten unsere Arbeit anfänglich, aber wir ließen uns nicht beirren den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, d.h. nun mit der Arbeit in Leipzig zu beginnen.

"Minerva" - vor Ort

Bereits am 02.02.1991 fuhren 6 Brüder des Beamtenrats nach Leipzig, um dort mit den Leipziger Brüdern die erste Beratungsloge zu halten. Im Vordergrund stand die Organisation unserer Logenarbeit in Leipzig. Ein Arbeitsplan für die Zeit bis Johanni 1991 war vordringlich aufzustellen, denn das 250. Stiftungsfest der Loge "Minerva" stand unmittelbar bevor. Darüberhinaus war der Rhythmus der Logenarbeiten festzulegen, insbesondere der Unterweisungen, die Br.·. H.·. K.·. bereitwillig übernahm. Mit Rücksicht auf die relativ große Entfernung zwischen Hannover und Leipzig und die kaum berechenbaren Verkehrsverhältnisse war es nötig, die Veranstaltungen mit Beteiligung der hannoverschen Brüder jeweils am Wochenende stattfinden zu lassen. Ein anderer außerordentlich wichtiger Punkt betraf die Raumfrage.

Die ersten Beratungslogen fanden im Clubraum des "Thüringer Hofs" in Leipzig statt. Schon bald zeigte sich aber die Wendigkeit und die Improvisationsfähigkeit einiger Leipziger Brüder, so daß in relativ kurzer Zeit in einem leerstehenden ehemaligen Wohnhause eine Wohnung durch einen Bruder so hergerichtet worden war, daß wir dort auch Tempelarbeiten abhalten konnten. Ein Raum war als Tempel, blau gestrichen und mit einer Kette liebevoll bemalt und auch mit einer indirekten Beleuchtung ausgestattet.

So konnten wir bereits am 23. März 1991 eine TA I mit Tempelweihe durch den Distriktsmeister Niedersachsen und anschließendem Brudermahl in "Auerbachs Keller" feiern. Wir hannoverschen Brüder empfanden die Reisen nach Leipzig zunächst etwas abenteuerlich. Da die Arbeiten wegen der Anreise immer erst um die Mittagszeit beginnen konnten, erstreckten sie sich weit in den Abend hinein, so daß eine Reise nach Leipzig und zurück in der Regel zwölf Stunden und länger dauerte.

Wir fuhren meistens mit dem Auto. Die Strassenverhältnisse in Ostdeutschland waren für unsere Begriffe katastrophal schlecht, obwohl wir in der Regel die Strecke wählten, die zu DDR-Zeiten als Transit- Weg bezeichnet war. So konnte es beispielsweise geschehen, daß Brüder sich gegenseitig aufmerksam machten auf bestimmte Engpässe, besonders große Schlaglöcher und andere Hindernisse auf dem Wege. Die Brüder des Beamtenrats vollbrachten hier eine großartige Leistung. Sie waren zum größten Teil berufstätig, opferten ihre Freizeit am Wochenende, unterzogen sich dieser strapaziösen Reise und trugen auch die entstehenden Kosten selbst.

Die Mannschaft wuchs eng zusammen, und wir hatten auch manchen Spaß miteinander, wenn wir z.B. in einer Gaststätte - etwa auf halbem Wege - wiederholt einkehrten und dort Erstaunen hervorriefen, weil wir wegen unserer Kleidung für Trauergäste gehalten wurden, die dennoch sehr fröhlich waren. An Zwischenfällen bzw. Kuriositäten fehlte es nicht: Da hatten wir bei der ersten Gemeinschaftsfahrt bereits nach wenigen Kilometern Fahrt eine Autopanne. Bei der ersten Tempelarbeit - über 20 Brüder in einem nur 20 m2 großen Raum - wurden mehrere Vasen und Utensilien bei den Wanderungen von den Aufsehertischen gefegt.

Oder wir standen im Regen vor verschlossener Tür, weil ein verschnupfter Bruder den Schlüssel nicht herausrücken wollte. Das Einüben freimaurerischer Gepflogenheiten und in den brüderlichen Umgang war vielfältig, farbig und interessant, wenngleich nicht immer einfach. Aber es bereitete uns große Freude zu sehen, wie unsere Leipziger Brüder mehr und mehr in das freimaurerische Miteinander hineinwuchsen, wie Begeisterung und Freude an der Sache ihnen half, Schwierigkeiten - die es genügend gab - zu überwinden. Solche Schwierigkeiten nötigten uns aber auch, hin und wieder flexibel zu disponieren.

Am Anfang: 250. Stiftungsfest!

Den eigentlichen Geburtstag der Loge am 20. März begingen wir in der Weise, daß alle Leipziger Brüder zusammen mit drei, hannoverschen Brr. sich zu einem brüderlichen Mahl im Hochzeitssaal des Ratskellers der Stadt Leipzig zusammenfanden. In einer Ansprache an der gemeinsamen Tafel beleuchtete ich die Geschichte der "Minerva" auf dem Hintergrunde der großen geschichtlichen Ereignisse in Deutschland. Wir tauschten Geschenke aus und freuten uns auf den l. und 2. Juni 1991.

In dem reizvollen barocken Gohliser Schlößchen feierten wir an diesen Tagen das 250. Stiftungsfest mit Johannisfest, - ein großartiges Erlebnis für die Brüder dieser alten, neu erweckten Loge, aber auch für viele besuchende Brüder, unter ihnen zug. Großmeister Br. Klaus Horneffer und Altgroßmeister Br.·. H.·. Z.·.. Ich eröffnete die Tempelarbeit u.a. mit den Worten: "Stärker als die durch die Willkür bewirkte Unterbrechung hat sich der Wille erwiesen, in der ungezwungenen freien Menschlichkeit ein Leben zu führen, daß der Würde des Menschen gemäß ist.

Dazu haben sich die Wiedererwecker der Loge "Minerva zu den drei Palmen", nämlich die Brr. der Loge "Friedrich zum weißen Pferde" und die Leipziger Brr.·. bekannt, die in unseren Bund aufgenommen wurden. Selbstverständlich hat sich auch für uns hannoverschen Brüder nach der Option für unser Vorgehen unsere Wahrnehmung der Probleme verändert. Aber wir müssen den Schlüssel dort suchen, wo er verloren ging, nämlich hier in den neuen Bundesländern. Nun segelt die Minerva, sie liegt gut vor dem Winde und nimmt Fahrt äuf!".

Die weiße Tafel mit einem kalten Büfett in dem unteren Saal des Gohliser Schlößchens vereinte mehr als 85 Brr. und Schwestern. Einen besonderen Beitrag lieferte Archivrätin Frau Endler vom Geheimen Staatsarchiv in Merseburg, indem sie eine lebhafte Schilderung ihrer Arbeit an 1.400 laufenden Metern Logenakten gab. Ein fesselnder Beitrag!

Im Mittelpunkt der öffentlichen Matinee am Sonntag-Vormittag, die von Musik festlich umrahmt war, stand der Vortrag unseres Alt- Großmeisters, Br.·. H.·. Z.·., "Wiederbelebung der maurerischen Geisteshaltung". Was mag wohl in unseren Leipziger Brüdern vorgegangen sein, die in knapp sechs Monaten geradezu in einem "Schnellkurs" in Brauchtum und Geschichte der Freimaurerei eingeführt wurden und jetzt schon diesen Höhepunkt erlebten?

Unweit des Gohliser Schlößchens steht im übrigen das Schiller-Haus, in dem Friedrich Schiller einige Wochen im Jahre 1785 wohnte und in dem er die Ode "An die Freude" schrieb. Sie wurde vertont von seinem Freund Johann Gottfried Körner, der 1777 in die Loge "Minerva zu den drei Palmen" aufgenommen worden war. Einen Faksimiledruck von 1796 mit dieser Ode konnten wir jedem Leipziger Bruder beim Bankett am 20. März als Geschenk überreichen.

Rückgabe von Logenvermögen.

In vielen Beratungslogen wie auch in Gesprächen und Verhandlungen spielte die Rückerstattung ehemaligen Logenvermögens eine hervorragende Rolle. Die Loge "Minerva zu den drei Palmen" besaß ein sehr großes Logenhaus in vorzüglicher Lage gegenüber dem neuen Rathaus der Stadt Leipzig. Das über 2.000 m2 große Grundstück Friedrich- Ebert-Straße l, vormals Weststraße 1 bzw. Hindenburgstr. l, war von den Trümmern des ehemaligen Logenhauses geräumt, die Pleisse war verrohrt und das Grundstück in eine große Grünfläche einbezogen worden.

Bereits im August 1990 hatte Br.·. H.·. L.·. im Auftrage der Großloge und im Namen der Liquidatoren der gemäß der NS-Verfügung vom 17. August 1935 zwangsweise gelöschten eingetragenen Vereine (Freimaurerlogen) bei der Stadt Leipzig die Rückgabe der bebauten sowie unbebauten Logengrundstücke unter Bezugnahme auf die "Verordnung über die Anmeldung vermögensrechtlicher Ansprüche" angemeldet. Nachdem die Loge Minerva als Verein beim Registergericht Leipzig zugelassen worden war, wiederholten wir diese Forderung bei der Stadt Leipzig und erhielten unter dem 18.02.91 den Bescheid, daß unsere Anmeldung registriert worden war.

Der in Leipzig ansässige Br.·. E.·. K.·. wurde bevollmächtigt, in dieser Sache Verhandlungen mit der Stadt Leipzig zu führen. Er hat das unermüdlich und mit größtem zeitlichen Aufwand, mit Geduld und Zähigkeit über die Jahre hinweg getan, bis diesem Bemühen Erfolg beschieden war. Zunächst aber mußten wir uns bemühen, ein Logendomizil zu finden, in dem die wachsende Loge, inzwischen war eine Aufnahme in Leipzig erfolgt und eine weitere stand bevor, ausreichend Platz finden würde. Mehr durch Zufall waren Leipziger Brüder darauf gestoßen, daß auf dem Grundstück Leibniz-Straße 3, ein Gartenhaus stand, das nach Aussehen und Einrichtung ein Logenhaus hätte sein können.

Tatsächlich handelte es sich um ein Logenhaus, das der Lipsia-Loge (Odd-Fellow-Loge) gehörte und das sie wieder in Besitz genommen und hergerichtet hatte. Im August 1991 konnten wir mit dem Obermeister der Odd-Fellow-Loge einen Nutzungsvertrag schließen, der uns erlaubte, gegen eine moderate Miete fortan in diesem Logenhaus zu arbeiten. Wir fanden einen in Freimaurer-Blau vorzüglich ausgestatteten neumöblierten Tempel vor, der auch die technischen Voraussetzungen für eine Logenarbeit vorhielt.

Er war groß genug, 60 oder mehr Brüdern Platz zu bieten. In diesem Hause haben nach unserer Vermittlung auch die übrigen in Leipzig arbeitenden Logen, nämlich die Loge "Zum weißen Bär" und die Loge "Athene zur Einigkeit" gearbeitet. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle das Auf und Ab der Verhandlungen um die Rückerstattung unseres Logeneigentums im einzelnen darzustellen - es wäre eine Geschichte für sich. Nur so viel sei gesagt: Das unablässige Bemühen, Recht zu erlangen, hat sich gelohnt.

Im Tauschwege erhielten wir ein Grundstück mit einem denkmalgeschützten Gebäude an der Ferdinand-Lasalle-Str. 21. Seit Mai 1995 kann die Loge "Minerva zu den drei Palmen" wieder in einem Logenhause arbeiten.

Freimaurer in Leipzig - wieder da

Nach den Logenferien 1991 hielten wir die Zeit für gekommen, die Arbeit der Loge "Minerva" auch der Öffentlichkeit in Leipzig nahezubringen. In Zusammenarbeit mit der Loge "Zum weißen Bär" organisierten wir eine Ausstellung im LeipzigInformationszentrum im November 1991. Die Eröffnungsveranstaltung vor einer ansehnlichen Zuhörerschar wurde durch mich eröffnet und nach einem Vortrag des Br. Jens Oberheide über das Thema "Geschichte und Geschichten um Freimaurer in Leipzig" mit einem Pressegespräch abgeschlossen.

Immerhin konnte ich zu dieser Zeit bereits sagen, daß Leipzig die erste Stadt in den neuen Bundesländern war, in der wieder zwei Freimaurer-Logen arbeiteten. Die Präsentation unserer beiden Logen und die ansehnliche Ausstellung (aus Celle geliehen) fanden ein durchaus befriedigendes Echo in der Presse.

Die Öffentlichkeitsarbeit unserer Logen wurde von der Großloge AFuAM wirksam unterstützt durch das ostdeutsche Freimaurerseminar "Auftrag oder Nostalgie? - Freimaurerei in den neuen Bundesländern" im Januar 1992. Die Tagung gab Gelegenheit, die bisherigen Erfahrungen auszutauschen und den Dialog zwischen Brüdern aus Ost und West zu vertiefen.

Trotz vielfältiger Anstrengungen durch die genannten Veranstaltungen wie auch durch Gästeabende blieb das zahlenmäßige Wachstum in Leipzig bisher sehr bescheiden. Dennoch konnte ich im Januar 1992 dem Schriftleiter der "Humanität" mitteilen, daß die Loge "Minerva" inzwischen aus 15 Leipziger und 16 auswärtigen Brüdern mit 18 Meistern, 10 Gesellen und 3 Lehrlingen besteht.

Die "Tochter" wird erwachsen

Wichtiger als der äußere Aufbau war mir und meinen Brr.·. die innere Gestaltung der Logenarbeit. Sie hatte zum Ziel, unsere Leipziger Brüder in das Ritual wie in die Geschichte und das Brauchtum der Freimaurerei so einzuführen, daß die Leitung und selbständige Gestaltung der Logenarbeit zum frühestmöglichen Zeitpunkt in ihre Hände gelegt werden könnte. Dies entsprach unverkennbar auch dem Wunsche unserer Leipziger Brüder.

Wir Brüder der Mutterloge konnten und wollten die für das persönliche Leben unserer ostdeutschen Brüder geteilte Geschichte nicht verdrängen. Wir verzichteten darauf "Rezepte für die Garküche der Zukunft" (Fr. Engels) zu geben, aber wir vertrauten der Kraft einer säkularisierten Vernunft und unserer Phantasie, auch das Unwirkliche als wirklich denken zu dürfen, wie es viele Leipziger Bürger während der "sanften Revolution" im Herbst 1989 taten. Wir wollten nicht die Menschheit erlösen, wenn es darum ging, die Lage von Mensch zu Mensch zu verbessern.

Unsere Aktivitäten waren so angelegt, daß die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten von Ost und West in Alltagserfahrungen behutsam wahrgenommen und als Suchbewegungen nach eigener Identität respektiert wurden. Wir Brüder aus Ost und West haben uns kennen- und schätzengelernt. Wir haben gemeinsam erfahren und erlebt, daß das Logenleben den Prozeß der Annäherung gefördert hat, daß das Ritual und unser Brauchtum die kulturelle Befindlichkeit und die geistigen und psychischen Bewegungen unserer Zeit zum Klingen bringen.

Seit dem Maurerjahr 1992/93 waren Leipziger Brüder sowohl im Vorstand der Loge als auch als Zugeordnete in allen Ämtern verantwortlich an der Leitung und Weiterentwicklung der Loge beteiligt; vom Maurerjahr 1994/9S an bilden allein Leipziger Brüder den Vorstand und den Beamtenrat. Etliche hannoversche Brüder sind Doppelmitglieder geblieben, sie besuchen ihre "Minerva" so oft es geht und nehmen an ihrem Weg lebhaftesten Anteil.

In der 250jährigen Geschichte der Loge "Friedrich zum weißen Pferde" hat die Gründung dieser Tochterloge eine hervorragende Bedeutung wegen der einmaligen geschichtlichen Situation nach der "Wende" und der Vereinigung beider deutschen Staaten. ob sie die "innere Vereinigung" der Menschen aus Ost und West fördern konnte, bleibt dem Urteil der uns nachfolgenden Generation überlassen; ob die "innere Vereinigung" vollendet werden wird, ist auch von dem Engagement der Brüder abhängig.

Text: Wilhelm Thies, Altstuhlmeister